Vernissage "Ich male keine Blumen"

Keine Blumen, sondern Dokumente
eines neuen Lebensabschnitts

Augsburg/Günzburg Elisabeth Reichhardt mag zwar Blumen, aber sie malt keine. Die 49-Jährige aus Jettingen-Scheppach (Kreis Günzburg) hat Tiefgründigeres zu erzählen. Die damals selbstständige Damenschneidermeisterin hat vor neun Jahren eine Gehirnblutung erlitten, gefolgt von einem Schlaganfall mit Aphasie (Sprachlosigkeit). Durch die Kunst fand die allein erziehende Mutter einer heute 21-jährigen Tochter den Weg, mit ihrer Krankheit umzugehen und ihre Gefühle zu zeigen. Aktuell präsentiert sie in der Berufsfachschule für Logopädie in Augsburg knapp 30 Werke: Es sind ausdrucksstarke Bilder und Collagen, die Betroffenen Mut machen sollen. Es sind Dokumente eines neuen Lebensabschnitts.

Den Titel der Ausstellung hat sie ganz bewusst gewählt: „Ich male keine Blumen“. „Frau Reichhardt zeigt keine blumigen Dinge, nicht die heile Welt. Sie hat den Mut, etwas zu zeigen, was nicht ganz funktioniert“, sagt Dirk Gerlach, Schulleiter der Berufsfachschule für Logopädie, bei der Vernissage. „Die Künstlerin fordert uns auf,  sich mit ihren Werken auseinanderzusetzen, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen“, so Gerlach. Wie würden wir mit einer solchen Krankheit umgehen? Was empfinden wir, wie verarbeiten wir eine Erkrankung?

Fehlen die Worte, kann Kunst zur Therapie werden. Elisabeth Reichhardt musste 2006 wieder lernen zu sprechen, sich zu artikulieren. Wie sie das geschafft hat, nötigt ihrem Umfeld und den Besuchern der Vernissage großen Respekt ab. „Lotte“, wie sie Laudator Mario Riesch liebevoll nennt, hat inmitten ihrer Werke auch Bilder von sich von ihrem Klinikaufenthalt in Günzburg aufgehängt. Angesichts der Schwere ihrer damaligen Erkrankung kann man es kaum glauben, dass dieselbe Frau heute vor ein Publikum tritt und ihre Ausstellung selbst für eröffnet erklärt.

Der Titel „Ich male keine Blumen“ ist nach Ansicht des Laudators ein kämpferischer Titel – das Gegenteil von Ohnmacht. „Elisabeth Reichhardt kämpft um Wertschätzung. Das hat viel zu tun mit einem selber, aber auch mit der Gemeinschaft und Gesellschaft“, so Riesch. Der gebürtige Freiburger kennt die 49-Jährige, die heute in Mindelaltheim (Kreis Günzburg) lebt, seit mehr als 30 Jahren. Die Künstlerin habe lernen müssen, ihr Leben neu wertzuschätzen.

Die Ausstellung will nicht nur Krankheit, Defizite und Einschränkungen zeigen, sondern dagegen halten, „welche Fähigkeiten ein Mensch hat“, so Riesch. Bei Elisabeth Reichhardt ist aus einer Fähigkeit eine Tätigkeit geworden, die Kunst ist zu ihrer Sprache geworden. In der Logopädieschule hat diese Kunst Raum bekommen.

Text und Bilder: Georg Schalk